Von Trounson aus fuhr ich über die überfüllten Stadt-Highways von Auckland bis nach Hamilton und weiter nach Taupo. Das Wetter sah ganz gut aus und ich wollte dem Tongariro Crossing noch eine zweite Chance geben. Das Tongariro Crossing ist eine achtstündige Wanderung über die Nordalpen Neuseelands und es soll eine der spektakulärsten sein.
Um 23 Uhr erreichte ich nach einer langen Fahrt über gewundene Bergstraßen das sehr viel höher gelegene und damit sehr viel kältere Whakapapa oder besser gesagt den nahegelegenen Campingplatz – und er war voll. Die Autos parkten überall und Zelte waren sogar am Straßenrand aufgestellt. Dieser Wanderweg war ganz offensichtlich wirklich beliebt. Immerhin ist die Saison seit fast einem Monat vorbei… Ich quetschte Menina noch irgendwo zwischen all die anderen Campervans, fuhr dabei in der Dunkelheit fast einen Wasserhahn um und kuschelte mich in drei Decken. Es war wirklich kalt hier oben!!
Am nächsten Morgen war der ganze Campingplatz ab 6:30 Uhr wach, kochte, packte und um sieben Uhr verließ ein langer Autokonvoi den Platz in Richtung Mangatepopo Carpark. Eine halbe Stunde und unzählige Schlaglöcher später parkte ich Menina auf dem Parkplatz und kochte mir erst einmal in Ruhe Frühstück – Eierkuchen wie immer. Eierkuchen auf einem Parkplatz zu backen, ist ein gutes Konzept, um sich schnell viele Freunde zu machen. Innerhalb von wenigen Minuten hatte ich drei Angebote, mich von der anderen Seite des Tongariro Crossings wieder mit zurück zu nehmen. Das Crossing ist keine Rundwanderung und es gibt Shuttle Busse, die einen von dem einen Ende zu dem anderen fahren, aber sie kosten 30 Dollar! Ich war nicht bereit, 30 Dollar für 30 Minuten Shuttlebus auszugeben und hatte eigentlich vor, den Weg nur zur Hälfte zu gehen und dann wieder zurück zu laufen. Auf dem Parkplatz sprach mich aber gleich (und das noch vor den Eierkuchen) der junge Franzose an, der sein Auto neben mir parkte, ob wir nicht zusammen an das andere Ende fahren wollen, sein Auto dort abstellen, zurückfahren und dann gemeinsam hinüberlaufen und er mich wieder zum Auto fährt. Viele Backpacker machen das so – allerdings war es schon acht Uhr und unter privater Shuttleservice hätte uns mindestens eine Stunde Zeit gekostet. Julien und ich waren noch am überlegen, da parkten zwei Jungs mit einem Surfbrett auf dem Autodach neben uns. Ich sprach sie an, ob sie ein Auto auf der anderen Seite hätten und ob da vielleicht noch Platz für zwei nette Menschen mehr wäre und sie sagten ja. 🙂 Die Frage, wie wir wieder zurück zum Auto kommen war also geklärt. Nur fünf Minuten später parkte noch ein Auto und es stiegen vier Jungs aus und fragten mich gleich, ob ich einen „Lift“ brauche. Sie hätten ein großes Auto auf der anderen Seite und das wäre gar kein Problem. Innerhalb von einer halben Stunde hatte ich also zwei Rückfahr-Optionen und acht Wandergefährten gefunden. 🙂



Wir liefen gemeinsam los, aber schon bald teilten sich die Gefährten. Einige wollten den Schicksalsberg (Mount Ngauruhoe) besteigen – einen 2.300 m hohen Vulkan auf dem Weg zu den Blue Lakes. Der Abstecher war mit 3 Stunden angeschrieben und wir nahmen die Herausforderung an, es in zwei Stunden zu schaffen. Die anderen liefen weiter und wollten am Parkplatz auf uns warten. Natürlich war ich unter denen, die diesen Berg besteigen wollten.
Wir waren zu viert: Julien, Ethan, Olivier und ich und gemeinsam waren wir die vier Gefährten, die auf den Vulkan stiegen, um den einen zu vernichten, der geschmiedet ward, um sie alle zu vernichten. 😉




Der 2.278 Meter hohe Mount Ngauruhoe (auch Mount Doom genannt) war in einigen Szenen der Schicksalsberg in dem Film „Der Herr der Ringe“, dort wo Sauron den Ring geschmiedet hat, um sie alle zu knechten und der Berg, den Frodo und Sam besteigen müssen, um den Ring wieder zu vernichten. Wie Frodo und Sam haben wir uns gefühlt, als wie den riesigen Aschenhaufen hinauf liefen. Jeder Schritt nach vorne bedeutete zwei zurück, wenn man nicht schnell genug war. Stellt euch vor, ihr lauft eine 2.000 Meter hohe Sanddüne hinauf. Einen markierten Weg gab es nicht und jeder suchte sich einen Pfad. Unsere Schuhe waren voller Steine und Asche und das ständige Hinaufrennen und Stehenbleiben kostete unglaublich viel Kraft. Nach dem Aschenfeld kam ein großer Geröllhaufen. Auf allen vieren kletterten wir hinauf, rutschten zurück und kletterten wieder hoch. Es war eine wahre Quälerei aber wir hatten trotzdem viel Spaß zusammen. Julien machte sich selbst zu Sam und Ethan war ganz klar Legolas, so schnell und behände wie er die Steine hinauf- und hinabsprang. Ich wurde mehr oder weniger zu Frodo als ich die Kameratasche übernahm, die wir unterwegs gefunden hatten, mit uns herumtrugen und zum Ring erklärten. Wir haben sie aber nicht in das Feuer geworfen. 😉
Zwei Stunden dauerte der mühevolle Aufstieg aber der Gipfel war jede Anstrengung wert. Von oben konnten wir über alle Berge sehen, die Blue Lakes lagen direkt unter uns und die Wolken zogen sich wie Watte durch den blauen Himmel. Hinter mir lag der riesige dunkelrote Vulkankrater. Dieser Gipfel war wunderschön, episch.
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| Pause auf dem Weg nach oben |
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| geschafft!! |
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| weit hinten ist der Mt. Taranaki zu sehen |
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| Julien in Pose 😉 |
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| Die vier Gefährten haben den Schicksalsberg bestiegen! |
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| Oben trafen wir die zwei Surfer-Jungs wieder! |
Das beste an dem Schicksalsberg war aber der Abstieg. Das Motto hieß: Renn und bleib bloß nicht stehen, sonst überholt dich das Geröllfeld, auf dem du gerade herunterrutschst! Also rannten, rutschten und fielen wir, standen auf und rannten weiter – so schnell es ging. Ich war so froh, dass wir die Kameratasche gefunden hatten, denn diesen Abstieg hätte meine Nikon sonst sicher nicht überlebt.
Es war ein Riesenspaß und fast alle vor und hinter uns rannten lachend und jauchzend den Berg hinunter. Der Abstieg dauerte ganze 20 Minuten und wir schafften es, den Schicksalsberg in 2 Stunden hinauf und wieder hinab zu „steigen“. Voller Adrenalin und Freude vom Abstieg liefen wir wieder zurück zu den anderen auf den „normalen“ Wanderweg.
Nach einer weiten Mondkrater-Landschaft ging es den sogenannten „Höllenanstieg“ hinauf – nach dem Schicksalsberg für uns eher ein Höllen-Hügel – und über einen Grat bis hinauf an den Fuss den Mount Tongariro, von wo aus die Blue Lakes zu sehen sind. Der Weg war wirklich außergewöhnlich schön. Eine solche Landschaft hatte ich noch nirgends gesehen. Das feuerrote Vulkangestein war von gelbem Sulfit umrahmt und dahinter zogen die weißen Wolken durch den türkisblauen Himmel. Überall roch es nach Schwefel und aus der Erde stiegen heiße Gasdämpfe.
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| Mordor… |
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| der Schicksalsberg von unten |
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| Es war ein überwältigendes Farbenspiel. |
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| die Blue Lakes |
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| türkisfarbenes Wasser umgeben von Sulfat-Gestein |
Diese Wanderung war wirklich eine der schönsten, die ich je gemacht habe! Immer wieder blieben wir überwältigt stehen und machten tausende Fotos. Letztlich habe ich in Neuseeland einen Ort gefunden, der wirklich einmalig ist und in seiner Einmaligkeit atemberaubend schön.
Nach den Blue Lakes war der Weg unspektakulär. Die vier Gefährten hatten trotzdem viel Spaß miteinander – wir redeten und lachten die ganze Zeit und Julien und ich fanden dabei heraus, dass wir beide am Donnerstag um 7:20 Uhr von Auckland aus weiterfliegen. Also beschlossen wir, uns in dem gleichen Hostel einzumieten und ein Taxi zum Flughafen zu teilen.
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| die Erde dampft |
Und hier der Film zum Buch:
Gegen 17 Uhr erreichten wir den anderen Parkplatz und tatsächlich wartete der Rest unserer Gefährten dort seit zwei Stunden auf uns. Es wurde schon langsam dunkel und sie fuhren uns zurück zu unseren Autos, wo zehn Minuten später auch die zwei Surfer-Jungs wieder ankamen. Alle zusammen kochten wir auf dem Parkplatz einen Tee, setzten uns bei Kerzenlicht auf die Straße und ließen den wundervollen Tag mit einem Schwarztee mit Milch und Zucker ausklingen. 🙂 Jeder von uns hatte noch andere Ziele an diesem Abend und die meisten noch einen weiten Weg vor sich. Die zwei Surferjungs wollten noch vier Stunden nach Wellington fahren, Julien schwankte zwischen dem 3 Stunden westlich gelegenen Ragland, dem eine Stunde entfernten Taupo und dem drei Stunden östlich gelegenen Rotorua, Ethan wollte noch eine Nacht auf dem DOC Campingplatz zelten (bei der Kälte!!! brrr), Olivier war alles egal, Hauptsache es habe eine heiße Dusche und ich wollte für mich und Menina einen schönen (und etwas wärmeren) Platz an einem einsamen Strand finden. Immerhin war es meine letzte Nacht mit Menina auf Reisen. Also verabschiedeten wir uns und stiegen in die Autos. Ich drehte den Zündschlüssel heraus – und es passierte nichts! Ich hatte das Licht angelassen!!! Schnell sprang ich wieder aus dem Auto und klopfte an die Scheiben von Olivier und Julien. Olivier hatte zum Glück ein Starterkabel und gemeinsam schafften wir es, Menina neben sein Auto zu rollen. Sie sprang Gott sei Dank sofort an. Nun musste ich mindestens zwei Stunden fahren, und ei Batterie wieder zu laden. Der nächste Strand war aber sowieso 3 Stunden entfernt und so fuhr ich gegen 19 Uhr los, Ziel Wanganui. Meine Camping-App sagte, hier gäbe es viele Freedom Camping Plätze aber als ich dort gegen 21 Uhr ankam, war keiner davon wirklich brauchbar. Einige lagen in furchterregenden Industrievierteln, an anderen waren die öffentlichen Toiletten über Nacht verschlossen. An keinem standen andere Camper. Ich suchte weiter, aber der nächste Platz war 40 Minuten nördlich – also in der falschen Richtung für meine Weiterfahrt nach Wellington. Ich fuhr einen Holidaypark in der Nähe an. 32 Dollar wollten sie dort für einen Stellplatz über die Nacht, die Toiletten waren alt und für die Duschen musste man extra bezahlen. Also fuhr ich wieder und beschloss nach einigem Hin- und Herüberlegen, die 40 Minuten nach Norden zu fahren. Ich kam um 22:00 auf dem Wanuii-Beach Campsite an und habe es nicht bereut. Direkt am Strand war eine riesige Wiese und es hätten hunderte von Campervans hier stehen können – es standen aber nur fünf dort. Ich suchte mir mit Menina einen windgeschützten Platz mit Blich auf das Meer und begann, mir mein Abendessen zu kochen. Ich hatte nicht mehr viel also kochte ich Kartoffeln und Möhren und aß Thunfisch aus der Dose. Es war kalt und windig und das Kochen brauchte gute zwei Stunden. Müde fiel ich ins Bett und wachte am nächsten Morgen mit Blick auf das Meer auf. Es war genau das, was ich für meinen letzten Tag mit Menina gesucht hatte und ich blieb bis Mittag, machte meine Eierkuchen, räumte Menina auf und lag lange in meinem Bett und schaute hinaus auf das Meer.




Und hier ein Video von unserem letzten Morgen: