Wanaka

Da das Wetter in dem Mount Cook N.P. nicht besser wurde und ich noch eine ganze Woche Zeit hatte bis ich in Christchurch Diana abholen wollte, beschloss ich, nochmal zurück nach Wanaka zu fahren. Der Wetterbericht sagte Sonne und 25 Grad für die nächsten drei Tage vorher und so war es dann auch. 🙂 Das kleine Städtchen Wanaka liegt an einem See und ist in zwei Stunden erkundet. Ich lief zum See, trank einen Kaffee am Strand, lief halb um den See herum und auf einen kleinen Hügel hinauf, von wo aus man über die ganze Stadt, den See bis in die Berge sehen konnte. Dort verbrachte ich gute zwei Stunden bis die Sonne fast untergegangen war und schlenderte zurück in mein Hostel. Ich teilte mir eine kleine Hütte mit einem Deutschen, einem Finnen, einer Deutschen und einer Tschechin. Der Finne reiste schon seit 10 Monaten durch Neuseeland und wir waren uns einig, dass der Zauber des Reisens in den kleinen versteckten Orten und Begegnungen liegt und selten in den To-do-Must-see-Touristenattraktionen zu finden ist. Gerade das ist aber etwas, was das Reisen hier in Neuseeland sehr prägt. Es scheint mehr Touristen als Einwohner zu geben und die Hälfte davon sind Deutsche. Alles ist auf Tourismus ausgerichtet, überall werden Touren angepriesen und einem erzählt, was man gesehen haben muss, um Neuseeland kennengelernt zu haben. Steht man dann an dem Strand, auf dem Gipfel oder am Rand des Gletschers, ist es meist weniger beeindruckend als man es erwartet hat. Die Alpen sind Alpen wie auch wir sie in Deutschland haben, die Fjorde nur selten zu sehen und insgesamt ist alles sehr viel unspektakulärer als die Erzählungen es versprechen. Gleichzeitig sind überall Touristen, ganze Busse voll Deutscher, Franzosen und Chinesen – bestens ausgerüstet mit Northface- und Jack Wolfskin-Outdoorbekleidung, Trekkingstöcken und Hochgebirgswanderschuhen, in der Hand die Highend-Spiegelreflexkamera von Canon oder Nikon. Und mit den Pauschaltouristen kommen die Reglementierungen. Schon lange kann man sein Zelt nicht mehr überall aufschlagen, Wanderungen müssen bis zu einem Jahr im Voraus gebucht werden und die Wege sind auch in den Bergen zu einfachen, für jeden begehbaren Wanderpfaden ausgebaut. Neuseeland hat sich an den Tourismus verkauft und damit für mich seine wahre Schönheit verloren: die Ruhe und Abgeschiedenheit, das Abenteuer, die Freiheit und Unberührtheit der Natur. 
Wanaka 
Strand von Wanaka

In meinem Hostel lernte ich am nächsten Morgen beim Frühstücken ein Pärchen aus Montana kennen, Amber und Alan. Wir verstanden uns sofort gut und als sie mich fragten, ob ich mit ihnen auf den Roy’s Peak wandern möchte, sagte ich sofort ja. Die fünfstündige Wanderung machte ich in Flipflops – zu sehr schmerzten mir noch die Füsse von dem Kepler/Routeburn Track. Außerdem hatte sich meine Achillessehnen entzündet und jeder Turnschuh oder Wanderschuh drückte fürchterlich. Der Weg war zwar steil aber mit Flipflops einfach zu gehen. Oben wurden wir mit einem wundervollen Blick über die Fjordlands belohnt. Es war eine der schönsten Aussichten auf die Fjorde, die ich in meiner ganzen Zeit hier hatte.

Alan und Amber

Es war ein sehr schöner Tag und ich beschloss, bei diesem schönen Wetter noch einem Tag in Wanaka zu verbringen und in den Mount Aspirin National Park zu fahren. Es soll einer der schönsten und abgeschiedensten Parks sein – nicht weil er so weit weg liegt sondern vielmehr weil er so schwer zugänglich ist. Eine dreißig Kilometer lange Schotterstraße führt zum Raspberry Creek Carpark und auf dem Weg dorthin sind 5 Flüsse zu durchqueren. Viele sagten mir, ich solle das bloß nicht mit dem eigenen Auto machen und andere berichteten davon, dass sie bei der Autovermietung unterschreiben mussten, dass sie mit dem gemieteten Auto nicht auf dieser Straße fahren würden. Nun… ich hatte ein zwanzig Jahre altes gemietetes Auto und nirgendwo unterschrieben, dass ich nicht abseits von befestigten Straßen fahren würde. Also beschloss ich, es zu versuchen. Kurz hinter Wanaka traf ich auf zwei Backpacker, die per Anhalter mitfahren wollten. Sie wollten auch zum Raspberry Creek Carpark und ich lud sie ein. Er war aus Canada und meinte, er sei schon zwei Mal im Aspirin N.P. gewesen und es sei der schönste von allen. Das erste Mal sei er in einem Opel Corsa mitgefahren, aber der habe bei der Hälfte aufgegeben. Das zweite Mal war es ein Campervan und alle Töpfe und das Geschirr seien aus den Schränken gefallen. Das lies ja hoffen… Er meinte, er sei sicher mein Nissan Sonny würde es schaffen und auch die Flüsse seien gar nicht so tief an den Stellen, an denen man hindurchfahren müsste. Er habe so etwas in Canada schon mit kleineren und älteren Autos gemacht. Ich fand, er habe sich ausreichend durch Erfahrung qualifiziert und stellte ihn als Co-Pilot ein. Als das Radio den Empfang verlor, begann die Holländerin neben mir „What shall we do with the drunter sailor“ zu singen und die verrückte Fahrt über Schotterstraßen und durch Wasserfurten konnte beginnen. Schon nach den ersten Metern fühlte ich den straken Drang, wieder umzudrehen. Schotterstraße ist untertrieben. Die ganze Straße war ein einziges Waschbrett und die alten Stoßdämpfer ratterten über die großen Kieselsteine, hin und wieder mit einem dumpfen Schlag durch ein tiefes Loch. Ich fand heraus, dass es schlimmer wurde, je langsamer ich fuhr und so fuhr ich einfach schneller. Nur bremsen durfte ich nicht und so wurde jede Kurve zu einem Erlebnis. Sunny rutschte auf dem Schotter dahin und nach einer guten halben Stunde begann, die Fahrt Spaß zu machen. Dann kam die erste Wasserfurt. Es war ein breiter Fluss – nicht sehr tief aber mit großen Steinen im Wasser. Misstrauisch blieb ich stehen. Mein kanadischer Co-Pilot war zuversichtlich und meinte, mit Schwung durch und es gäbe keine Probleme. Ich dachte mir, ich versuche es einmal, legte den ersten Gang ein und fuhr hinein … und hindurch. Das ging einfacher als gedacht! Die zweite Furt war ausgetrocknet, die dritte ungefähr so tief wie die erste und dann kam die vierte Furt – und die war tief und steil. Ich stand davor und beäugte den Fluss. Meine Mitfahrer sagten, das würden wir schaffen. Aber ob sie es sagten, weil sie sich sonst eine andere Mitfahrgelegenheit suchen müssten oder ob sie das wirklich so meinten, wusste ich nicht. Ich jedenfalls wollte so kurz vor dem Ziel und nach einer Stunde Durchgeschütteltwerden auch nicht wieder umdrehen und fuhr hinein. Die Räder standen weit im Wasser, sicher reichte das Wasser bis an den Unterboden aber Sunny zog durch und mit den Vorderrädern wieder hoch und dann ging der Motor aus… und nicht wieder an. Panik stieg in mir auf, noch dreimal versuchte ich vergeblich, den Motor zu starten. Wir sahen uns hilflos an und machten schon einen Plan, wie wir das Auto da wieder herausbekommen könnten, als ich es noch ein letztes Mal versuchte – und der Motor sprang an!
Von da an blieb die Fahrt unspektakulär – bis auf die Landschaft, die war wunderschön! Die holprige Straße führte in ein Tal, das von von schneebedeckten Bergen umschlossen war. Rechts und links neben uns erstreckten sich weite Ebenen auf denen Schafe friedlich weideten und mit der Sonne im Rücken und den Bergen vor uns fuhren wir erwartungsfroh auf dem letzten Stück zum Rasperry Creek Carpark.

Meine zwei Backpacker verabschiedeten sich und zogen los zur Aspiring Hut, von wo aus sie weiter in den Nationalpark hinein wandern wollten und ich machte mich daran, meine Flipflops gegen die Wanderschuhe zu tauschen. Schon nach 100 Metern merkte ich aber, dass ich auf gar keinen Fall in meinen Wanderschuhen laufen konnte und zog wieder die Flipflops an. Gut gelaunt bei traumhaftem Sonnenscheinwetter und gut 25 Grad machte ich mich in Flipflops auf den Weg zum Rob Roy Gletscher. Der Weg war wenig anstrengend und nur 1,5 Stunden lang. Gegen 14 Uhr erreichte ich den  Ort, an dem sich die meisten Wanderer einen großen Stein suchten, ihr Mittag auspackten und sich danach eine halbe Stunde ins Gras legten. Mir war das zu langweilig und nach meinem Mittag, bestehend aus zwei Müsliriegeln und einem Pfirsich, beschloss ich, dem kleinen versteckten Pfad nachzugehen und zu sehen, wo der denn hinführen mag. Er wand sich über hohe Grasebenen, durch zwei Flüsse und wurde immer steiler und unwegsamer. Schnell tauschte ich die Flipflops gegen meine Wanderschuhe, denn oft musste ich rutschige Hänge hinauf oder herunter klettern oder mich durch dorniges Gebüsch schlagen. Wanderer kamen mir hier keine entgegen. Nach einer guten dreiviertel Stunde erreichte ich den Gletscher selbst, der in der heißen Sonne knackte und krachte und immer wieder einige Lawinen abließ. ich blieb nur kurz, befand es für zu gefährlich, mich an einem so heißen Nachmittag so nah am Gletscher aufzuhalten und ging wieder zurück.

Der Ausflug in die abenteuerliche Einsamkeit war aber wunderschön und nachdem ich die Wanderschuhe wieder gegen Flipflops getauscht hatte, wanderte ich zufrieden zurück zum Rasperry Creek Carpark, wo Sunny auf mich wartete. Die Schotterstraße fuhr sich nach soviel Erfahrung sehr viel besser und wir meisterten alle Wasserfurten ohne Probleme. Nach einer guten Stunde erreichte ich wieder feste Asphaltstraße und Sunny und ich fuhren in den Sonnenuntergang zurück nach Wanaka, wo Amber und Alan schon auf mich warteten. Wir hatten uns zum Pizzabacken verabredet. Kaum hatten Sunny und ich wieder festen Asphalt unter den Rädern, tauchte hinter einer langen Kurve plötzlich ein Radfahrer am Straßenrand auf. Sein Rad stand umgedreht auf Lenker und Sattel und er suchte offensichtlich mit seinem Telefon nach Empfang. Ich hielt an und fragte, ob er Hilfe brauchte und er sagte ganz erleichtert, dass er durchaus Hilfe gebrauchen könnte und ob ich eine Luftpumpe im Auto hätte, sein Flickzeug funktioniere nicht und er habe keinen Empfang, um einen Freund anzurufen. Ich hatte keine Luftpumpe im Auto, habe ihn  und sein Fahrrad aber letztendlich einfach mitgenommen. Er wohnte in der Nähe von Wanaka und ich hatte die Rückbank ja wieder frei. Auch auf dem Rückweg hatte ich also wieder Gesellschaft und als ich ihn fragte, ob er gebürtig aus Neuseeland komme, meinte er, nein, er sei eigentlich Brasilianer. Auf Portugiesisch fragte ich ihn dann, ob er also portugiesische spreche und ganz überrascht antwortete er auf portugiesisch, dass er schon lange kein Portugiesisch mehr gesprochen habe, aber sich sehr freue, jemanden gefunden zu haben, mit dem rein paar Worte in seiner Muttersprache sprechen kann. Und so unterhielten wir uns noch eine ganze Weile auf portugiesisch und ich hatte Spaß daran, in Neuseeland portugiesisch zu sprechen. 🙂 Ich fuhr ihn nach Hause und er lud mich noch auf ein Bier ein und so wurde es viel zu spät, als ich um acht Uhr abends merkte, dass Amber und Alan bestimmt schon lange warteten. Schnell verabschiedete ich mich und fuhr zurück ins Hostel. Die beiden waren schon ganz aufgeregt. Sie hatten sich Sorgen gemacht und waren froh, dass ich gesund zurück war. Das Gute daran – die Pizza war fertig als ich kam und sie schmeckte lecker!!! 🙂

Fotos findet ihr hier:


Es war ein wunderschöner Tag in Wanaka und ich wäre gerne noch länger dort geblieben. Aber am Mount Cook zogen die Wolken für genau einen Tag auf und den durfte ich nicht verpassen. Also machte ich mich am nächsten Morgen wieder auf nach Twizel/ Aoraki, um den Hocker Valley Track ein zweites Mal zu gehen – dieses Mal mit Aussicht.

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