Am nächsten Morgen frühstückten wir ausgiebig und machten uns auf den Weg nach Amber – dem Fort vor Agra. Es war Königspalast der Kachchwaha-Dynastie, bevor Jaipur zur Residenzstadt wurde. Schon auf dem Weg zum Palast hinauf begegnete uns ein indisches Paar mit Fotografen. Ob es ein weiteres Hochzeitspaar gewesen ist oder eine der vielen Bollywood-Produktionen haben wir nicht herausgefunden.
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| der Königsplatz – 4. Courtyard |
Oben angekommen, wurden wir wieder von hunderten staatlich geprüften Touristenführern belagert. Erfahrungsgemäß haben alle immer einen Cousin in Deutschland – meist in Köln – und während sie für die Führung nur 200 INR (ungefähr 3 Euro) wollen, verschleppen sie die Touristen am Ende der Tour immer in die Geschäfte irgendwelcher Brüder, Väter oder bedürftiger Freunde, die die Sachen sonst viel teurer verkaufen und nur für dich einen superspeziellen Preis machen. Dabei arbeiten sie nicht, um Geld zu verdienen sondern um lokale Hilfsprojekte zu unterstützen und eigentlich tust du eine gute Sache, wenn du ihren Marmorelefanten für umgerechnet nur 10 Euro kaufst. Geprägt von diesen Erfahrungen reagierte ich äußerst sarkastisch und abweisend auf jeden, der uns ansprach und seine Dienste anbot. Ich wollte den Audioguide. Auf der Suche nach dem Audioguides-Schalter sprach uns ein weiterer, sehr gebildet aussehender junger Touristenführer im dunklen Anzug an und sagte nur „Audioguides gibt es eine Etage weiter oben.“. Beeindruckt davon, dass er uns nur den Weg wies, ohne seine eigenen Dienste anzupreisen, fragte ich ihn, wieviel er denn haben wolle. Der Preis schien vernünftig und ich ließ ihn hoch und heilig versprechen, dass es keine Cousins in Deutschland und keine Brüder und Schwestern mit Souveniershops oder bedürftigen Hilfsprojekte in seiner Tour geben würde, dass wir den vereinbarten Preis zahlen und nicht einen Cent mehr. Und wir bekamen eine der besten geführten Touren, die ich je hatte.

Äußerst gebildet und interessiert gab er uns einen Einblick in sein Land, die Kultur und die Geschichte. Er fing bei den ersten Siedlungen am Sindhu an und erklärte über die Gründung des Reiches Hindustan und die Eroberungen der Mogul die Hintergründe der Festung Amber.
Man Singh (reg. 1589–1614), einem Alliierten Akbars 1592 erbaut und später von Jai Singh (reg. 1621–1667) weiter ausgebaut. Zu Beginn war es nur ein kleiner Palastkomplex, umgeben von einer 32 km langen Verteidigungsmauer – der zweitgrößten der Welt.
Jai Singh erweiterte den Bau und fügte vier verschiedene Ebenen hinzu. Man geht von dem Königsplatz, dem vierten Palastplatz, nach oben zu dem dritten und von dort zu dem zweiten und hinauf zu dem ersten. Jeder Platz ist umgeben von verschiedenen Räumlichkeiten, die immer symmetrisch zueinander gebaut wurden. So umgeben den Königsplatz die Regierungs- und Militärräume. Durch das Sonnentor ritten die Soldaten auf Elefanten. Auch der König nutzte diesen Eingang, während das Volk nur durch ein Tor auf dem dritten Courtyard eintreten und dort ihre Probleme dem König vortragen durfte. Der König hörte hier die Vorträge seines Volkes, diskutierte Lösungen mit jedem einzelnen und hielt Gericht.






Der zweite Courtyard ist der schönste von allen. Man betritt den Platz über eine enge und schmale Treppe und findet das Wohn- und Schlafzimmer des Schahs – links das für den Winter und rechts das für den Sommer. Die Winterquartiere sind in fast allen Palästen prunkvoll mit tausenden winzig kleinen Spiegelfliesen ausgekleidet, eingefasst in Silber mit Einlegearbeiten aus Porzellan, Jade und Halbedelsteinen. Die Spiegelfliesen sollen das einfallende Sonnenlicht und am Abend das Kerzenlicht reflektieren und so Wärme und Licht in den Raum bringen. In den Sommerhäusern gibt es solche Fliesen nicht, dafür meist ein raffiniertes Klimatisierungssystem, sozusagen eine antike Air Condition. Das Winterquartier des Shah Jahan in Amber ist das schönste, das ich je gesehen habe. Es scheint aus purem Silber zu sein und die Millionen kleiner Spiegelfliesen an Decken und Wänden verwandeln den Raum in ein glitzerndes Meer aus Licht. Es ist wunderschön. Es braucht nicht viel Fantasie um sich den Shah in seinem Gewand auf einem vorhangumrahmten Bett aus Kissen liegend vorzustellen, zwei Diener daneben, die ihm mit einem Fächer aus Pfauenfedern Luft zufächeln. Und schon ist man wieder mitten in dem Märchen von Tausendundeiner Nacht.
Der erste und letzte Courtyard ist umgeben von 13 Wohnungen – die Wohnungen der 13 Frauen des Shahs. Dabei hatte der Shah die Zugänge zu den Wohnungen so bauen lassen, dass er unbemerkt von seinem Gemach zu jedem einzelnen der Gemächer seiner Frauen gelangte. Ganz offenbar war der Palast ein Pfuhl der Eifersucht und jede der Frauen wollte den Schah für sich. Um den Frieden unter den Frauen zu erhalten, ging der Shah so zu seinen Frauen, dass es die anderen zwölf nicht bemerken konnten. Da der Schah aber auch bei 13 Frauen noch Anregung brauchte, ließ er unzweideutige Wandmalereien an die Wände der Gemächer zeichnen. Dem muslimischen Großmogul gefiel diese Art der Freizügigkeit gar nicht und der Statthalter musste die Zeichnungen übermalen lassen. Unserem Guide war es sichtlich unangenehm, uns die drei noch erhaltenen Bildnisse zu zeigen. Seine verstohlene Schüchternheit war sehr amüsant.
Unser Guide lud uns noch zu einem Masala Tee ein und wir fanden heraus, dass er eigentlich Jura studiert hat und Strafverteidiger war. Sein Vater ist Arzt. Den Juristenberuf hat er aufgegeben, um Touristenführer zu sein. Er kommt aus Jaipur, möchte anderen sein Land zeigen und die Arbeit mit internationalen Besuchern ist seine Passion. Schmunzelnd habe ich einmal mehr darüber nachgedacht, wie der Beruf Touristenführer eine höhere Stellung als der des Arztes, Lehrers oder Juristen haben kann. Oft habe ich das in dieser Welt gesehen. In Nicaragua oder Bolivien war es nicht anders. Im Grunde ist es aber durchaus nachvollziehbar. In wirtschaftlich schlechter gestellten Ländern ist der Tourismus die beste Einnahmequelle. Wir kommen als Pauschaltouristen in ein Land wie Indien, übertragen unsere Warenwerte auf das was wir hier kaufen und denken, 200 INR (drei Euro) sind ein Hungerlohn für einen Touristenführer, der zwei Stunden gute Dienstleistung bietet. Wir geben mehr, 100 INR Trinkgeld hier (ist ja nur etwas mehr als ein Euro) und 1000 INR für einen Schal dort. Tatsächlich sind 1000 INR sehr viel Geld für einen Inder sein. Eine volle Mahlzeit kostet in den lokalen (guten) Restaurants nur 160 bis 250 INR, 5 Apfelsinen 30 INR und ein Bund Bananen bekam unser Fahrer auf dem Markt für 10 INR. Für Ingwer habe ich auf dem Markt 20 INR bezahlt. 70 INR sind ungefähr ein Euro. Macht man sich diese Relationen deutlich, ist verständlich, dass es sich mehr lohnt, im Tourismus zu arbeiten als als Lehrer, Jurist oder Arzt. Gleichzeitig finde ich es unglaublich schade, dass intelligente und gut ausgebildete junge Inder lieber Touristen durch die Gegend führen als sich in die Bildung, Politik oder Wirtschaft ihres eigenen Landes einzubringen. Das geschenkte Geld der Touristen wird das Land in seiner Entwicklung nicht weiter bringen. Wir sollten uns dessen bewusster sein, wenn wir in diese Länder reisen und uns vorab darüber informieren, was wirklich angemessen ist. Oft hat meine Mutti gelacht, manchmal war es ihr vielleicht auch peinlich, wenn ich gnadenlos verhandelt habe bis ich einen halbwegs realistischen Preis bekam. Es ist nicht der Geiz, der mich um einen Euro verhandeln lässt, es ist der Gedanke, dass Tourismus nicht der lukrativsten Beruf im Land sein sollte. Auch möchte ich nicht allein als Geldgeber gesehen werden, sondern als der Mensch der nach Indien kommt, weil er sich für die Kultur und das Land selbst interessiert. Touristen sind für viele nicht der Besucher des eigenen Landes, sondern nur die Zitrone, die man auspressen kann – wir sind selbst schuld, denn wir vermitteln, dass wir aus einem Land kommen, in dem das Geld auf der Straße liegt. Würden Touristen nach Deutschland kommen und Trinkgelder in Höhe von 100 Euro geben, wäre es nichts anderes. Würde man diesen Menschen noch mit ehrlicher Gastfreundschaft begegnen, ohne Geld dafür zu verlangen? Ich bezweifle es.
Nach dem Amber Fort fragte Raj, ob wir Teppiche kaufen möchten. Wir sagten nein, aber die Herstellung interessierte uns doch und so fuhren wir zu einem Unternehmen, dass noch heute Teppiche von Hand herstellt. Die Teppiche werden geknüpft und gewaschen, geschnitten, getrocknet und ein Mann braucht für einen großen Teppich ungefähr ein Jahr. Wirklich umgehauen hat mich der Preis. Ein großer Teppich, ca. 4×5 Meter, gewebt aus Seide und Cashmirwolle kostete nur 3.500 Euro, inklusive versicherter Versand nach Deutschland! Leider habe ich ja nun keine Wohnung, in die ich einen Teppich legen könnte, sonst hätte ich einen kleineren sicher mitgenommen.
Danach fuhren wir in das Stadtzentrum von Jaipur, bekannt für das Observatorium und den Stadtpalast, der noch heute für königliche Empfänge dient. Ich kürze es ab und zeige euch ganz einfach die Fotos.
Anschließend drängten wir uns durch die Bazaar-Straßen von Jaipur, förmlich bedrängt von den Ladenbesitzern, in ihre Läden zu schauen. Je aufdringlicher sie wurden, umso mehr Freude hatte ich daran, ihnen in allen möglichen Sprachen unmögliche Antworten zu geben. Das indische „Jaao!“ mit einer abweisenden Handbewegung zeigte immer seine Wirkung. Übersetzt heißt es „Geh! Lass mich in Ruhe!“, vielleicht auch „Hau ab!“ – die Hauptsache war, sie folgten uns nicht mehr. Ganz anders als in Deutschland gehen die Inder nicht gerade höflich miteinander um. Die Bedienung ist dazu da, zu bedienen. Ein Danke gibt es dafür nicht. Wer in Indien unterwegs ist, muss sich daran gewöhnen, dass ein Umgang herrscht, der in unserem Land als egoistisch, arrogant und respektlos empfunden würde. Und ein ganzes Stück muss man es sich zu eigen machen, wenn man auf der Straße unterwegs ist, von Bettlern angesprochen und angefasst und von Souveniershophändlern bedrängt wird. Meiner Mutter ist es oft schwer gefallen, strikt Nein zu sagen. In diesen Momenten wird mir immer wieder klar, dass wir Deutschen ein sehr freundliches, zuvorkommendes und empathisches Volk sind. Das Bild des unfreundlichen Deutschen geben wir uns selbst.
Immer wieder sind wir von dem ganz alltäglichen indischen Leben beeindruckt. Ziegen und Kühe auf den Straßen, Ziegen im Herrenhemd, Obsthändler, Straßenverkäufer, Rikshaws, Fahrräder, Autos – Chaos. Und dazwischen ein kleines Mädchen, das mit den Ziegen spielt; Kinder, die wie in den Favelas Brasiliens ihre selbstgebauten Papierdrachen über den Dächern der Stadt steigen lassen und einen Wettstreit daraus machen, indem sie die versuchen, die anderen Drachen mit der eigenen Drachenschnur abzuschneiden. Ich bin es nicht müde geworden, diese Eindrücke mit der Kamera einzufangen.
Am späten Nachmittag kommen wir nach einem anstrengenden Tag geschafft aber glücklich in unser wundervolles Hotel, nehmen jeder eine Badewanne und genießen ein Glas Wein in unserem eigenen kleinen Palasthof. Die Gebetsrufe der nahen Moschee erfüllen die Nacht. Es ist so kostbare Zeit.